Wenn die Schweißdrüsen verrückt spielen

Presseinformation

Experten-Interview zum Tabuthema: Schwitzen

(mko) Schwitzen gehört zum Leben, im Sommer, wenn die Temperaturen 30 Grand und mehr erreichen und auch Frauen kennen schweißvolle Hitzewallungen in einem bestimmten Alter z. B. in den Wechseljahren.
Dennoch gibt es Menschen, die ohne ersichtlichen Anlass zu heftigen Schweißperlen auf der Stirn neigen. Da werden Alltagsbeschäftigungen oder ein Treffen mit dem Chef schmell zum Spießrutenlauf.
Normalerweise bekommen wir über unser Gehirn den Befehl: Schwitzen“, wenn es im Körperinneren  zu heiß wird. Dann werden die fünf bis zehn Millionen Scheißdrüsen in Gang gesetzt, die sich auf der Körperhaut (die meisten an Handflächen und Fußsohlen) befinden.
Und selbst im Ruhezustand verdunstet der Körper täglich bis zu einem Liter Schweiß. Aber: Dauerschwitzen und permanente Schweißränder auf Hemden oder Blusen haben einen krankhaften Ursprung. Aber: das wissen aber viele Betroffene  nicht. Mediziner sprechen in diesem Fall von einer Hyperhidrose. Allein in Deutschland sind drei Millionen Menschen betroffen, ihre ständigen Begleiter sind  Angst vor der sozialen Isolation und Scham.

„Der Begriff der Hyperhidrose ist so gut wie unbekannt“, sagt Experte und Buchautor Dietmar Stattkus, 42 J. im Gespräch mit dem Betroffenen und Gründer des Internet-Selbsthilfeforums „hyperhidrosehilfe.de“ Sascha Ballweg (J.) zu dem Tabuthema Schwitzen.

Redaktion: Was bedeutet der Begriff Hyperhidrose und wie wirkt sich diese Krankheit aus?

D. Stattkus:
“Hyperhidrosis ist eine krankhafte Disposition zu vermehrtem Schwitzen. Die Ursache  ist vorwiegend dualer Herkunft, da die Krankheitswurzeln sowohl im organischen als auch im seelischen Bereich etabliert sein können. Diese Tatsache führt in der Diagnosepraxis zu vielerlei Missverständnissen und Unklarheiten hinsichtlich der Erfassung des Krankheitsbildes.
Dennoch ist Hyperhidrosis mittlerweile eine anerkannte ernstzunehmende Krankheit, die auch in der Internationalen Klassifikation von Krankheitsbildern (ICD) der Weltgesundheitsorganisation aufgeführt ist. Unterschätzt wird aber vielfach der psychosoziale Faktor des krankhaften Schwitzens, denn je intensiver dieses Leiden erfahren wird, desto ausgeprägter können Folgeerkrankungen in Erscheinung treten”.

S. Ballweg: 
“Als Betroffener kenne den Leidensweg und die soziale Ausgrenzung sehr gut. Das bei mir angeborene Handschwitzen hat meine Jugend sehr negativ geprägt und mich auch beruflich eingeschränkt. Wenn man sich vorstellt,
dass ich innerhalb von Minuten mit nur einer Hand, eine kleine Pfütze auf eine Tischplatte schwitzen konnte und was das damals für meinen soziale Umgang bedeutet hat, dann kann sich vorstellen, wie ich als junger Mensch darunter gelitten habe….”

Redaktion: Wie reagieren die Menschen?

D. Stattkus:

“Viele Betroffene leben sozial total zurückgezogen. Übermäßiges Schwitzen wird zumeist mit Negativem assoziiert, wie z.B. mit Angst oder mangelnder Hygiene. Selbst ein Arztbesuch  oder eine Untersuchung  fällt Betroffenen schwer, so sehr schämen sie sich. Und auch das nähere sozialen Umfeld hat oft wenig Verständnis.

S.Ballweg: 
Freunde, Bekannte, Berufs-Kollegen, Menschen aus dem Umfeld eines Hyperhidrosekranken reagieren oft verschämt, wollen sich aber nichts anmerken lassen. Die Hand zur Begrüßung wischen sie aber doch an der Hose ab.

Redaktion: Herr Stattkus, welche Schauergeschichten sind an Sie herangetragen worden? Als Autor des Buchs “Hilfe, ich schwitze” sowie Ihrem neuen Werk “Antitranspirante – Kampf dem Schweiß” haben Sie ja sicherlich auch schon einige schwierige Fälle getroffen?

D. Stattkus:
Auch ich kenne viele Schauergeschichten, die ich bei meinen Recherchen zu den Büchern („Hilfe, ich schwitze” und  “Antitranspirante – Kampf dem Schweiß”) gehört habe. Betroffene sprechen von Depressionen sowie eine mit dem leidvollen Schwitzen einhergehende mangelnde Lebenslust. Viele sehen sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gehemmt, obwohl sie ein hohes Potential an Kompetenzen in sich tragen. Aus Scham und Angst können sie dieses jedoch nicht ausleben, was ihren Leidensdruck nur noch verstärkt. Nicht selten werden auch völlig falsche Therapieschritte oder Defizite in der ärztlichen Versorgung beklagt.

S. Ballweg: 
Das ganze Leben wird zu einem Spießrutenlauf. Einmal bin ich bei einem Vorstellungsgespräch nicht in den Raum gekommen, da keine Klinke an der Tür war, sondern ein runder Drehknauf. Ich bin da zig Mal abgerutscht bis mir nach ungefähr einer Minute jemand von innen endlich die Tür geöffnet hat.

Redaktion: Was empfehlen Sie in Ihren Büchern den Betroffenen?

D. Stattkus:
Ich rate daher Betroffenen und Angehörigen sich ausführlich zu informieren. Wissenschaftlich hat sich eine spezielle Therapiemaßnahme als effektiv, nebenwirkungsarm und kostengünstig erwiesen und hierbei handelt es sich um die Anwendung von Antitranspiranten auf Basis von Metallsalzen. Bei dieser Therapie oder auch First-Line-Therapie gilt es, bestimmte Voraussetzungen zu beachten. Parallel dazu gibt es auch radikale Maßnahmen, z. B  operative Eingriffe wie Absaugen oder Entfernung der Schweißdrüsen.

S. Ballweg: 
Bei mir haben Antitranspirante zwar keine Wunder gewirkt aber immerhin eine deutliche Verbesserung gebracht. Unter den Achseln schwitze ich dadurch gar nicht mehr und meinen Handschweiß konnte ich immerhin um fünfzig Prozent  reduzieren. Außerdem benutze ich noch ein weiteres Präparat, dadurch schwitze ich inzwischen nur noch in normalem Masse. Und: Inzwischen gibt es auch spezielle Mittel gegen Körpergeruch.

Abdruck: Kostenlos,
Quelle: www.schwitzen.com
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Email: Sascha Ballweg: sb@scape-media.de